Joe und die Tomatenpflanze – eine der schönsten Fallgeschichten Milton Ericksons
Es gibt Fallgeschichten von Milton H. Erickson, die fast jeder kennt, der sich etwas intensiver mit Hypnotherapie beschäftigt hat. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist die von „Joe und der Tomatenpflanze“. Nicht, weil Erickson hier irgendeine spektakuläre hypnotische Technik demonstriert. Ganz im Gegenteil. Auf den ersten Blick tut er eigentlich fast nichts. Er sitzt bei einem schwerkranken Patienten und erzählt ihm etwas über eine Tomatenpflanze.
Und genau darin liegt das Geniale dieser Geschichte.
Joe war ein älterer Mann, der sein Leben lang mit Blumen und Pflanzen gearbeitet hatte. Er war schwer an Krebs erkrankt, litt unter erheblichen Schmerzen und befand sich in einer palliativen Situation. Medikamente konnten seine Beschwerden nur unzureichend lindern beziehungsweise brachten zusätzliche Belastungen mit sich.
Erickson wurde hinzugezogen, weil man sich von Hypnose eine zusätzliche Möglichkeit zur Schmerzlinderung versprach.
Nur gab es dabei ein Problem: Joe wollte keine Hypnose.
Nun hätte Erickson natürlich versuchen können, ihn von den Vorteilen einer hypnotischen Behandlung zu überzeugen. Er hätte ihm erklären können, dass Hypnose nichts mit Willenlosigkeit zu tun hat, dass er jederzeit die Kontrolle behalten würde und dass hypnotische Verfahren gerade bei Schmerzen gut eingesetzt werden können.
Erickson tat nichts davon.
Stattdessen begann er, mit Joe über etwas zu sprechen, von dem er wusste, dass dieser sich damit auskannte: Pflanzen.
Und irgendwann erzählte er ihm von einer Tomatenpflanze.
Was eine Tomatenpflanze mit Schmerz zu tun hat
Erickson beschrieb, wie aus einem kleinen Samen langsam eine Pflanze entsteht. Wie dieser Samen Wasser aufnimmt, wie sich erste Wurzeln bilden und wie die Pflanze beginnt zu wachsen. Dieses Wachstum geschieht ganz von selbst. Man muss nicht darüber nachdenken. Man kann es nicht einmal beobachten, wenn man die Pflanze anschaut. Und trotzdem verändert sich etwas.
Er sprach über Blätter, über Blüten, über Wasser und darüber, wie eine Pflanze Tag für Tag weiterwächst.
Für Joe war das alles vollkommen vertraut. Schließlich hatte er sein Leben lang mit Pflanzen gearbeitet.
Das Interessante war jedoch, was Erickson innerhalb dieser Geschichte tat. Während er scheinbar nur über das Wachstum einer Tomatenpflanze sprach, streute er immer wieder Worte und Vorstellungen ein, die mit Joes eigentlichem Problem zu tun hatten: Ruhe, Wohlbefinden, Schlaf, Erleichterung und die Möglichkeit, Dinge einfach geschehen zu lassen.
Joe musste also zu keinem Zeitpunkt einer Suggestion wie „Ihre Schmerzen werden jetzt weniger“ folgen. Er musste sich nicht einmal darauf einlassen, hypnotisiert zu werden.
Er konnte einfach einem Mann zuhören, der ihm etwas über eine Tomatenpflanze erzählte.
Und während er das tat, ging Joe zunehmend in Trance.
Erickson kämpft nicht gegen den Widerstand
Für mich zeigt diese Geschichte besonders schön eine der wichtigsten Grundhaltungen der Ericksonschen Hypnotherapie: Man muss Widerstand nicht überwinden. Man kann ihn nutzen.
Joe wollte keine Hypnose. Also bekam er auch keine „Hypnose“ in dem Sinne, wie er sie sich vermutlich vorgestellt hatte.
Erickson nahm stattdessen etwas, das bereits vorhanden war: Joes Wissen über Pflanzen, seine Erfahrungen, seine Aufmerksamkeit und eine Welt, in der er sich auskannte.
Genau das bezeichnet Erickson als Utilisation. Wir versuchen in der modernen Hypnotherapie möglichst nicht, dem Patienten eine bestimmte Art des Erlebens aufzuzwingen. Stattdessen nutzen wir das, was er bereits mitbringt – seine Erfahrungen, seine Vorstellungen, seine Sprache, seine Interessen und manchmal sogar seinen Widerstand.
Dieses Prinzip gehört für mich zu den wichtigsten Grundlagen der Ericksonschen Hypnotherapie und spielt deshalb auch in unseren Grundkursen Hypnosetherapie von Beginn an eine zentrale Rolle.
Es ist ein wesentlicher Unterschied zur klassischen Vorstellung von Hypnose, bei der der Hypnotiseur etwas „mit“ dem Patienten macht. In der Ericksonschen Hypnotherapie entsteht Veränderung viel eher aus dem, was der Patient selbst bereits zur Verfügung hat.
Die Interspersal-Technik – Suggestionen, die in eine Geschichte eingebettet werden
Erickson beschrieb dieses Vorgehen 1966 in seinem Artikel „The Interspersal Hypnotic Technique for Symptom Correction and Pain Control“. In diesem Artikel findet sich auch die ursprüngliche Fallgeschichte von Joe und der Tomatenpflanze. Wer die Geschichte im englischen Original nachlesen möchte, findet sie hier: One day at the Time
Erickson bezeichnete das Vorgehen als Interspersal Technique. Gemeint ist damit das Einstreuen therapeutischer Suggestionen in einen anderen sprachlichen Zusammenhang.
Bewusst hört Joe eine Geschichte über eine Tomatenpflanze.
Gleichzeitig tauchen innerhalb dieser Geschichte immer wieder Begriffe und Vorstellungen auf, die für sein eigentliches Problem von Bedeutung sind: Ruhe, Komfort, Schlaf, Nahrung, Wasser, Wachstum und Veränderung.
Das ist ein faszinierender Unterschied zu einer direkten Suggestion.
Wenn ich einem Patienten mit starken Schmerzen sage:
„Ihre Schmerzen werden jetzt immer weniger.“
kann es gut sein, dass er innerlich sofort überprüft, ob das stimmt. Und wenn es nicht stimmt, lautet seine innere Antwort vielleicht:
„Nein. Tun sie nicht.“
Damit habe ich im ungünstigsten Fall genau das Gegenteil von dem erreicht, was ich wollte. Ich habe seine Aufmerksamkeit erneut auf den Schmerz gelenkt.
Eine Geschichte über eine Tomatenpflanze muss dagegen überhaupt nichts beweisen. Der Patient kann zuhören, Bilder entstehen lassen und die darin enthaltenen Angebote annehmen – oder eben auch nicht.
Solche Formen indirekter Kommunikation und weiterführende hypnotherapeutische Interventionen vertiefen wir später in unseren Aufbaukursen und Spezialseminaren.
Was könnte dabei eigentlich wirken?
Natürlich können wir heute nicht mit Sicherheit sagen, welcher Mechanismus bei Joe für die von Erickson beschriebene Schmerzlinderung verantwortlich war. Eine historische Fallgeschichte ist kein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis.
Wir können aber einige Prozesse erkennen, die auch aus heutiger Sicht für hypnotische Arbeit relevant sind.
Zunächst wird Joes Aufmerksamkeit gebunden. Statt seine Aufmerksamkeit fortwährend auf seinen Körper und seine Schmerzen zu richten, beschäftigt er sich zunehmend mit inneren Bildern und Vorstellungen. Es entsteht Absorption – also genau jene intensive Fokussierung der Aufmerksamkeit, die für hypnotisches Erleben charakteristisch ist.
Gleichzeitig bietet Erickson alternative körperliche und emotionale Erfahrungen an. Ruhe, Komfort und Entspannung werden nicht gefordert, sondern innerhalb der Geschichte immer wieder aktiviert.
Und schließlich entsteht etwas, das ich für einen der wichtigsten Aspekte guter Hypnotherapie halte: Der Patient muss nichts erzwingen.
Eine Tomatenpflanze versucht schließlich auch nicht angestrengt zu wachsen.
Sie wächst.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der Geschichte
Man könnte „Joe und die Tomatenpflanze“ als eine Geschichte über raffinierte hypnotische Sprachmuster lesen. Dann wäre die entscheidende Frage: Wie hat Erickson seine Suggestionen formuliert und an welchen Stellen hat er sie eingebaut?
Ich glaube allerdings, dass man damit den interessantesten Teil der Geschichte verpasst.
Die viel spannendere Frage lautet:
Warum hat Erickson ausgerechnet diesem Menschen ausgerechnet diese Geschichte erzählt?
Joe hatte sein Leben lang mit Pflanzen gearbeitet. Pflanzen waren seine Welt. Erickson benutzte also nicht irgendeine schöne Metapher aus einem Lehrbuch. Er entwickelte seine Intervention aus der Lebens- und Erfahrungswelt seines Patienten heraus.
Und genau darin zeigt sich für mich die besondere Qualität der Ericksonschen Hypnotherapie.
Nicht der Patient muss zu unserer Technik passen.
Die Technik muss zum Patienten passen.
Das ist auch die Grundhaltung, die wir am Schweizer Institut für Medizinische Hypnose vermitteln möchten: Hypnotherapie besteht nicht aus einer Sammlung von Techniken, die wir möglichst geschickt auf einen Patienten anwenden. Es geht darum, die individuellen Fähigkeiten, Erfahrungen und Ressourcen eines Menschen zu nutzen und daraus gemeinsam einen Weg zu entwickeln, der für genau diesen Menschen passt.
Quelle
Erickson, M. H. (1966). The Interspersal Hypnotic Technique for Symptom Correction and Pain Control.
Die Fallgeschichte wurde für diesen Beitrag in eigenen Worten zusammengefasst und fachlich eingeordnet. Auf eine Übersetzung oder längere wörtliche Wiedergabe der Originaldarstellung wurde bewusst verzichtet.
